Berliner Zeitung (erschienen am 29. Mai 2007)
   
  Ost-Wirtschaft übertrumpft Westen
Wachstumsprognose mit drei Prozent deutlich über dem Niveau der alten Bundesländer.
Experte sieht Aufschwung bei Investitionen und positive Entwicklung am Arbeitsmarkt.
 


BERLIN. Die Wirtschaft in den neuen Bundesländern wird sich in diesem Jahr erneut kräftiger entwickeln als
die im Westen.  "Nach dem Trend des ersten Quartals gehen wir davon aus, dass wir 2007 im Osten ein Wirtschafts-
wachstum von mehr als drei Prozent erreichen werden",  sagte der Konjunkturexperte des Instituts für Wirtschafts-
forschung Halle, Udo Ludwig, der Berliner Zeitung. "Damit wird der Osten in der Stärke des wirtschaftlichen
Aufschwungs den Westen wie schon 2006 übertreffen." Mit einer Rate von mehr als drei Prozent würden die
neuen Bundesländer das stärkste Wachstum seit Mitte der 90er-Jahre erreichen.

Das IWH stockt damit nur wenige Wochen nach Veröffentlichung des Frühjahrsgutachtens der Wirtschafts-
institute die Wachstumsprognose für den Osten deutlich auf.  In dem Gutachten hatten die Institute ein Wachstum
von 2,4 Prozent in Ost und West prognostiziert.  Ludwig sagte zur Begründung seiner Prognose, dass jetzt nach
einer langen Investitionsflaute wieder stärker in den neuen Bundesländern investiert werde.  "Es gibt in dieser
Hinsicht offensichtlich einen Umschwung in den Firmenbudgets",  sagte er. " Das scheint den Aufschwung
anzutreiben."  Bis Ende der 90er-Jahre sei der Maschinen- und Anlagenpark im Osten erneuert worden,  danach
habe es  "ruhigere Zeiten"  für Investitionen gegeben.  Jetzt scheine aber ein neuer Investitionszyklus zu beginnen.

Auf dem Arbeitsmarkt dürfte der Aufschwung weiterhin für eine positive Entwicklung sorgen,  erwartet das IWH.
"In der Industrie und bei den Dienstleistern können wir eine deutliche Zunahme der Beschäftigtenzahlen
erwarten",  so Ludwig.

Mit Blick auf das Konjunkturbarometer des Instituts sagte Ludwig einen kräftigen Produktionszuwachs im
zweiten Quartal voraus.  "Die Industrieunternehmen sind bei ihren hohen Geschäftserwartungen geblieben."
Die Auftragseingänge hätten weiter kräftig zugelegt.  Insbesondere aus dem Inland gingen hohe Bestellungen
bei den Herstellern von Investitionsgütern und von Verbrauchsgütern ein.  Hingegen sei damit zu rechnen,
dass der wegen des milden Winters ausgelöste Wachstumsschub im Baugewerbe allmählich auslaufen wird.
Der Einzelhandel,  dessen Umsatz durch die Mehrwertsteuererhöhung im ersten Quartal drastisch eingebrochen
war,  werde sich erholen.  "Dafür spricht die verbesserte Einkommenssituation privater Haushalte im Zuge des
anhaltenden Bechäftigungsaufbaus",  sagte Ludwig.  Zu den Konjunkturmotoren im Osten gehören unter anderem
die Automobilindustrie und die Halbleiterindustrie,  die vor allem in Sachsen stark vertreten sind, die Nahrungs-
mittelbranche und die chemische Industrie.  Die Chemieindustrie, die sich im mitteldeutschen Chemiedreieck
zwischen Halle und Leipzig konzentriert,  hat nach Berechnungen des IWH im Vorjahr mit einem Gesamtumsatz
von 12,5 Milliarden Euro erstmals seit der Wiedervereinigung das Umsatzniveau aus der Vorwendezeit übertroffen.
Im Vorwende-Spitzenjahr 1987 waren umgerechnet rund 11,4 Milliarden Euro umgesetzt worden.

In all diesen Vorzeigebranchen seien die Industrieanlagen durchgehend modernisiert worden.  Dies, der
gezielte Einsatz von Fördermitteln, das traditionell vorhandene Know How in diesen Branchen und die um
ein Drittel niedrigeren Arbeitskosten hätten vor allem zu dem Aufschwung geführt.

      von Peter Kirnich und Matthias Loke     
     
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